Der wachsende Druck am Arbeitsplatz aufgrund härteren Wettbewerbs und Arbeitsverdichtung hinterlässt seine Spuren. Die Zunahme von (negativen) Emotionen im Job sind nicht selten Vorboten psychischer Erkrankungen. Kommt es dazu, steigt die Anzahl der „Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Störungen“. Ein Prozess, der nicht selten mit dem krankheitsbedingten Ausscheiden des Mitarbeiters endet. In Zeiten des Mangels an qualifizierten Fachkräften ein Luxus, den sich kein Unternehmen leisten sollte. Lesen Sie daher in diesem „Thema des Monats“, wie wichtig Gefühle im und für den Job sind, aber auch, wie Sie bei Mitarbeitern mit emotionalen Problemen reagieren sollten.
Das Nichterkennen, das Ignorieren oder auch ein falscher Umgang mit auftretenden emotionalen Störungen von Beschäftigten steht nämlich häufig am Beginn einer Entwicklung, die schlimmstenfalls zur Trennung führt. Dies kann nicht wirklich überraschen, denn schon Gefühle zu zeigen, ist traditionell in Deutschland nicht angesagt. Das gilt zumindest für den Arbeitsplatz. Im Job seine Emotionen offen erkennen zu lassen, wird häufig als Schwäche ausgelegt. Die altbekannte Redewendung „Jetzt reißen Sie sich mal zusammen!“, sie lebt. Immer noch gilt: „Ratio (Vernunft, Verstand) vor Emotio (Bewegung, Gefühlsregung)“, nicht selten auch „Ratio um jeden Preis!“
Nur - leichter gesagt denn getan. Sind doch Gefühlsregungen zwingend Bestandteil des Menschen, gehören gleichsam zu seiner Basis-Ausstattung. Sie helfen uns, schwierige Situationen zu überstehen: „Emotionen sind komplexe, in weiten Teilen genetisch präformierte Verhaltensmuster, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben, um bestimmte Anpassungsprobleme zu lösen und dem Individuum ein schnelles und der Situation adäquates Handeln zu ermöglichen“, so der österreichische Psychologe Werner Stangl. Und der amerikanische Neurowissenschaftler Antonio R. Damasio spitzt so zu: „Emotionen sind kein Luxus, sondern ein komplexes Hilfsmittel im Daseinskampf.“
Acht Basis-Emotionen
Wie Emotionen genau zu definieren und welche Gefühlsregung darunter zu verstehen sind, ist in der Forschung umstritten. Dennoch können einige Ansätze als weitgehend akzeptiert bezeichnet werden. Dazu gehört das Modell des Amerikaners Robert Plutchik. Er unterscheidet acht Basis-Emotionen, die jedem Menschen eigen seien.
Emotionen am Arbeitsplatz
Da der Mensch auch am Arbeitsplatz Mensch ist, lassen sich auch hier entsprechende Emotionen beobachten. Tätigkeit und Arbeitsleistung finden eben nicht im luftleeren Raum statt.
Im Gegensatz zu früher scheinen der verschärfte Wettbewerb sowie die nachweislich gestiegene Arbeitsverdichtung für zunehmend mehr Emotionen bei den Beschäftigten zu sorgen. Man könnte auch von einer „gesteigerten Intensität“ stets vorhandener Emotionen sprechen. Das Problem: Unsere Fähigkeit, hiermit angemessen umzugehen, ist nicht in gleicher Weise gewachsen.
Nun sind Gefühle, wie schon angedeutet, nichts Schlechtes. Der Versuch, sie abzustellen, wird erfolglos bleiben. Er wäre zudem gar nicht sinnvoll. Denn auch (positive) Emotionen wie Neugierde oder Freude, zum Beispiel ausgelöst durch einen attraktiven Auftrag oder eine besonders gelungene Arbeit, sind essentielle Bestandteile unseres Arbeitsalltags. Solche Empfindungen stellen wesentliche und unerlässliche Antriebskräfte dar, unsere (Arbeits)-Leistung weiterhin zu bringen oder gar steigern zu wollen.
Emotionen und psychische Erkrankungen
Dass ein Mensch regelmäßig wechselnde Phasen sowohl positiver wie negativer Emotionen durchläuft, ist ebenso „natürlich“ wie „okay“. Problematisch wird es, wenn (negative) Gefühle von ihrer Dauer und Intensität her das Maß dessen überschreite, was als normal angesehen werden kann. Von diesem Punkt aus ist es nur ein kleiner Schritt hin zu einer echten psychischen Erkrankung. Typische Symptome bzw. in Wechselwirkung auch Auslöser sind „Mobbing“ oder „Stress“, letzeres mitunter bis hin zum völligen „Burn-out“. Nicht selten handelt es sich hierbei um Begleiterscheinungen von Depressionen oder Angsterkrankungen.
Solche schwerwiegenden Krankheitsbilder nehmen nachweislich zu. Die Statistiken von Krankenkassen und Berufsgenossenschaften sprechen eine eindeutige Sprache. So hat sich der Anteil psychischer Störungen am Krankenstand in den letzten 20 Jahren fast vervierfacht Schon jetzt sind sie Auslöser für fast 10 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage und nehmen damit Rang 4 aller Krankheitsgruppen ein - Tendenz: steigend. Die weitverbreitete Überzeugung, hiervor seien ausschließlich oder vorwiegend Frauen betroffen, trifft im Übrigen nicht mehr zu: Der Anteil von Männern mit psychischen Störungen hat in den letzten Jahren relevante Größenordnungen erreicht und steigt überproportional weiter an.
Hochgradige und dauerhaft anhaltende (negative) Emotionen können sich auf die Leistung im Job auswirken. Ursachen und Symptome sind vielfältig. Private Probleme, die Sorge um den Arbeitsplatz, die Angst zu versagen etc. schlagen sich unmittelbar nieder: Wiederholter verspäteter Arbeitsantritt, Konzentrationsstörungen, allgemeine Müdigkeit und Erschöpfung, aber auch (sozialer) Rückzug sind typische Begleiterscheinungen solcher emotionaler Störungen.
Handlungsmöglichkeiten für Führungskräfte
Als Unternehmer oder als Führungskraft können Sie einer solchen (krankhaften) Veränderung eines Mitarbeiters nicht tatenlos zusehen. Zwei Handlungslinien sind angeraten: Zum einen sollten Sie – im Vorfeld möglicher Erkrankungen von Mitarbeitern – alles tun, um ein positives Betriebsklima in Ihrem Unternehmen zu erzeugen. Schaffen Sie also die entsprechenden Rahmenbedingungen! In diesem Zusammenhang sind funktionierende, ebenso transparente wie regelmäßige Kommunikationsstrukturen unerlässlich. Mitarbeitergespräche, gezeigte und geäußerte Wertschätzung von Mitarbeitern etc. sind wichtige Instrumente kommunikativer Führung. Versuchen Sie nicht, Gefühlsregungen aus Ihrem Unternehmen zu „verbannen“. Es wird Ihnen ohnehin nicht gelingen. Oder aber Sie würden an anderer Stelle den Preis dafür bezahlen.
Zum anderen: Reagieren Sie „im Falle eines Falles“ frühzeitig, beispielsweise bei Anzeichen von Alkoholproblemen. Häufig handelt es sich hierbei um nach außen wahrnehmbare Anzeichen einer psychischen Erkrankung. Fahren Sie dann eine klare Linie: Beweisen Sie Verständnis, Fürsorge und Flexibilität einerseits, ziehen Sie mit Blick auf die Interessen des Unternehmens klare Grenzen andererseits.
Reagieren Sie „gestuft“, vom Vier-Augen-Gespräch über die Einschaltung externer Experten bis gegebenenfalls zur tatkräftigen Unterstützung von erkrankten Mitarbeitern auch im Falle ambulanter Behandlung oder sogar stationärer Versorgung. Auch dies ist eine Form von „Personalmarketing nach innen“ und damit ein wichtiger Schritt zur Mitarbeiterbindung.
Lassen Sie gegenüber Ihren Mitarbeitern, besonders auch gegenüber anderen Führungskräften, stets erkennen, dass Ihnen Themen wie ein gutes Betriebsklima und das Wohlfühlen Ihrer Mitarbeiter am Herzen liegen (übrigens schon wieder eine Emotion!) und einen wesentlichen Bestandteil Ihrer Unternehmenskultur darstellen. Tendenziell niedrige Fluktuationsraten beim Personal beziehungsweise hohe Produktivitätszahlen Ihres Unternehmens am Ende des Jahres werden es Ihnen danken.
Copyright 09/2008 by MCH
Autor: Dr. Werner Mayer, MCH
(Eine Fortführung des Themenbereichs „Emotionen im Unternehmen" frinden Sie im Thema des Monats November 2008)






