Lehrjahre verlaufen nicht immer so reibungslos, wie es sich die Beteiligten wünschen. Ausbilder/innen klagen über die Lehrlinge, deren mangelnde Motivation und Leistungsbereitschaft oder ungenügende Ausbildungsreife. Die jungen Leute bemängeln dagegen immer wieder die Ausbildungsqualität oder den Ablauf der Lehre. Zwischenmenschliche Konflikte, die sich nicht selten an vordergründigen Unstimmigkeiten entzünden, erschweren die Situation für alle Beteiligten. Entspannung bringen allein regelmäßige Gespräche. Wir geben Ihnen im Folgenden Tipps dafür.
Um für Ausbilder/innen und Auszubildende eine höhere Zufriedenheit mit der Ausbildungssituation zu erreichen, können beide Seiten einen Beitrag leisten. Die Erfahrungen zeigen, dass gerade der Ausbildungsbetrieb mit einfachen Mitteln viel zum Positiven erreichen kann. Die Einführung zu Beginn der Berufsausbildung wie auch regelmäßige Ausbildungsgespräche bilden eine gute Basis für das gemeinsame Arbeiten im Betrieb.
Der erste Ausbildungstag - eine gute Vorbereitung und Einführung wirkt positiv
Mit dem Start in eine Lehre beginnt für viele Jugendliche eine Phase der Neuorientierung. Die meisten müssen sich nach der langen Schulzeit zunächst an die Situation in einem Unternehmen gewöhnen. Für sie verläuft der Prozess der Eingliederung nicht reibungslos, insbesondere dann nicht, wenn sie bislang nur wenige Einblicke in die Strukturen und Arbeitsabläufe von Firmen erhalten haben. Zudem sind ihnen die Erwartungshaltungen der Ausbilder/innen und sonstiger Vorgesetzter oftmals nicht bekannt. Das macht es schwierig, die Abläufe und Erfordernisse zu überblicken.
Daher ist es besonders wichtig, insbesondere Berufsanfänger in die betrieblichen Strukturen, Abläufe und Erfordernisse einzuweisen. Deswegen sollten ihnen Ausbilder/innen gleich an einem der ersten Tage erklären,
- wie der Betrieb „funktioniert"
- welche Regeln gelten (Arbeitszeiten, Pausenregelungen, Sicherheitsvorschriften, Kleiderordnung, Verhaltensregeln usw.)
- wie die Ausbildung allgemein abläuft
- wer ihre Ansprechpartner/innen und Vorgesetzten sind
- wer ihnen Arbeitsanweisungen erteilt
- was die Kunden und Auftraggeber erwarten
- welche Ausbildungsinhalte und -ziele festgelegt sind
- wie der betriebliche Ausbildungsplan aussieht
- was die Ausbilder/innen von ihnen erwarten (fachliche und soziale Kompetenzen: dass sie pünktlich zur Arbeit erscheinen, ihre Lernziele erreichen, das Berichtsheft führen, die Berufsschule besuchen, sich in das Team integrieren usw.)
- wie Ausbildungsgespräche ablaufen, welche Inhalte sie haben und wann sie stattfinden.
Für eine gute Integration ist es hilfreich, wenn die Ausbilder/innen die Kollegen und auch die Mitauszubildenden persönlich vorstellen. „Patenschaften" zwischen älteren und jüngeren Lehrlingen können den Neuen nach der ersten Einführung Orientierung und Austauschmöglichkeiten bieten. Da Auszubildende insbesondere am Anfang sehr viel Neues aufnehmen, verarbeiten, lernen und anwenden müssen, ist für sie zudem eine Informationsmappe hilfreich, die die wichtigsten Punkte enthält (Ansprechpartner/innen, Telefonnummern, betriebliche Regeln, Betriebsorganisation usw.).
Ausbildungsgespräche führen - Gesprächstechniken nutzen
Auszubildende haben insbesondere zu Beginn viele Fragen. Es hilft ihnen, wenn die Ausbilder/innen sich regelmäßig mit ihnen zusammensetzen. In einem so genannten Ausbildungsgespräch können Schwierigkeiten und Fragen frühzeitig geklärt und Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Damit schaffen Sie eine Gelegenheit, um über wichtige Ausbildungsangelegenheiten zu informieren, betriebliche Regeln und Erwartungshaltungen zu erklären und den Leistungsstand zu ermitteln. Haben Sie als Ausbilder/in Mängel oder Defizite bei Ihrem Lehrling festgestellt oder sind Sie in bestimmten Punkten unzufrieden, bieten die Gespräche den Rahmen für eine sachliche Klärung.
Das Gespräch vorbereiten - Beurteilungsbogen verwenden
Entscheidend für den Gesprächsverlauf und die Gesprächsergebnisse ist, wie Sie die Unterredung vorbereiten und steuern. Sie sollten also vor dem Termin in Ruhe überlegen, um welche Themen es in dem Ausbildungsgespräch konkret gehen soll. Mit Hilfe von Beurteilungsbögen lassen sich vorab das Verhalten und die Leistung des Lehrlings bewerten und festhalten. Die Bewertung des Bogens sollte von dem/r Ausbilder/in vorgenommen werden, der/die in der letzten Zeit besonders eng mit dem Lehrling zusammengearbeitet hat. Der Beurteilungsbogen macht deutlich, wo die Stärken und Schwächen liegen und wo Fördermaßnahmen angesetzt werden müssen.
Welche Verhaltens- und Leistungsmerkmale beurteilt werden, hängt von den Anforderungen des Ausbildungsberufs ab. Ein Muster für einen betriebsinternen Beurteilungsbogen finden Sie hier.
Während des Gesprächs helfen Ihnen folgende Tipps:
Zum Gesprächseinstieg
- Freundliche und ruhige Gesprächsatmosphäre schaffen
- Als Gesprächseinstieg positive Aspekte ansprechen.
Der Kern des Ausbildungsgesprächs
- Die für Sie wesentlichen Punkte ansprechen, sachlich Ihre Beobachtungen und Beurteilungen schildern
- Wesentliche Fragen gemeinsam mit dem/r Auszubildenden besprechen: Über welche Kompetenzen verfügt er/sie bereits? Was funktioniert gut? Was fällt schwer? Was sind gegenwärtige Probleme, Schwachstellen usw.? Woran liegt das?
- Eigene Sichtweisedarstellen, dabei in der Ich-Form sprechen: „Mir ist aufgefallen, ...", „Ich habe gesehen, dass ..."
- Kritik anlassbezogen vorbringen, konkrete Situationen und Verhaltensweisen ansprechen: „Sie haben gesagt, dass ...", „Gestern waren Sie nicht pünktlich..."
- Vor allem um Unangenehmes mitzuteilen, dem/r Auszubildenden ein Feedback geben nach der Struktur: Wahrnehmung - Wirkung - Wunsch (die drei W´s)
- Meine Wahrnehmung als Ausbilder/in: „Ich habe festgestellt/gehört, dass ..."
- Die Wirkung auf mich: „Ich bin enttäuscht, dass ... nicht klappt/dass Sie die Aufgaben nicht erledigt haben." „Ich ärgere mich darüber, wenn Sie nicht pünktlich sind." „Es beunruhigt mich, wenn Sie diese Aufgabe nicht korrekt ausführen können."
- Mein Wunsch: „Ich möchte gerne/Ich habe den Wunsch/Ich schlage vor, ..."
- Konflikthintergründe mit Hilfe von offenen Fragen erfragen: z.B. „Was hat Sie veranlasst, ... zu tun?"
- Den Lehrling auffordern, eigene Fragen zu stellen bzw. Anliegen zu äußern.
Ziele vereinbaren und Lösungen suchen
- Was sollte weiterentwickelt werden?
- Welche Unterstützung braucht der/die Auszubildende im Betrieb?
- Welchen Beitrag kann der/die Auszubildende leisten?
- Wie soll den beschriebenen Problemen begegnet werden? Alle Beteiligten auffordern, Lösungsmöglichkeiten vorzuschlagen, dabei eigene Vorschläge einbringen.
Als Gesprächsabschluss
- Wesentliche Punkte kurz zusammenfassen
- Gesprächsergebnisse schriftlich festhalten
- Ausblick geben.
Mit Hilfe dieser Gespräche ist es möglich, den Verlauf der Ausbildung zu steuern und für beide Seiten Leistungsstand und Entwicklungsmöglichkeiten mit den notwendigen Maßnahmen festzuhalten. Auch bieten die Gespräche den Rahmen, um auf aktuelle Entwicklungen und Beobachtungen zu reagieren, beispielsweise bei Nichtbesuch der Berufsschule, auftretender Unpünktlichkeit oder festgestelltem Leistungsabfall.
Auf Regelmäßigkeit kommt es an
Ausbildungsgespräche sollten regelmäßig geführt werden. Folgende Termine bieten sich im Verlauf der Lehrzeit an:
1. Ausbildungsjahr: Zu Beginn der Probezeit, in der Mitte und am Ende der Probezeit sowie kurz nach deren Ablauf
2. Ausbildungsjahr: Zu Beginn des 2. Ausbildungsjahres, zu einem weiteren Zeitpunkt nach Beginn des 2. Ausbildungsjahres, ca. zwei Monate vor der Zwischenprüfung
3. Ausbildungsjahr: Zu Beginn des 3. Ausbildungsjahres, zu einem weiteren Zeitpunkt im 3. Ausbildungsjahr, vor der Gesellen-/Abschlussprüfung und nach der Prüfung.
Es gibt keine zeitlichen Vorgaben für ein Ausbildungsgespräch. Mit einer guten Vorbereitung kann der Termin sehr effizient durchgeführt werden.
Bringt ein Ausbildungsgespräch kein zufrieden stellendes Ergebnis bzw. führt es nicht zur Lösung von besprochenen Problemen, kann die Ausbildungsberatung der Handwerkskammer eingebunden werden. Deren Ausbildungsberater/innen können aufgrund ihres Erfahrungshintergrunds und ihrer neutralen Rolle praktische Tipps zur Änderung einer Situation geben. In Konflikten können sie gemeinsam mit allen Beteiligten eine Lösung erarbeiten.
Fazit: Nutzen Sie Ausbildungsgespräche! Sie behalten das Heft in der Hand, wenn Sie so ein Forum für den regelmäßigen Austausch schaffen. Verbunden mit Lob und dem Aufzeigen von beruflichen Perspektiven tragen die Gespräche erheblich zur Motivation Ihrer Lehrlinge bei.
Copyright 06/2007 by MCH
Autorin: Sylvia Hüls, LGH, Projektreferentin „Ziellauf - Konflikte im Ausbildungsalltag erkennen und lösen"






