Keine Frage: Die gesundheitlichen und hygienischen Bedingungen waren noch nie so gut wie heute. Und trotzdem „warten“ in diesen Bereichen vielfältige Aufgaben auf das Handwerk. Das 3. Deutsche Forum Innenraumhygiene*) Mitte Februar in Essen wird mit seinem Kongress und der begleitenden Fachausstellung in den Blickpunkt rücken, welch große Spannbreite das Thema „Gesunde Wohn- und Arbeitsumgebung“ hat. Wenn Handwerksunternehmen vom Hochbauer über den Installateur und den Maler bis zum Tischler und Schornsteinfeger hier über Kompetenz und marktgerechte Lösungen verfügen, können sie sich zukunftsträchtige Geschäftschancen erschließen. Dieses „Thema des Monats“ zeigt die wichtigsten von ihnen auf.
Das Bewusstsein der Bürger für eine gesunde Umwelt und einen gesunden Lebensstil ist groß. Der Trend zu bewusster Ernährung und zu sportlicher Betätigung gehört dazu, ebenso der Trend zu gesunden Baustoffen, Möbeln und Textilien. Man ist bestrebt, Beeinträchtigungen des Wohlergehens zu vermeiden. Und man ist bereit, dafür Geld zu investieren. Dies vor dem Hintergrund, dass jeder Mensch die weit überwiegende Zeit seines Lebens in geschlossenen Räumen verbringt. Eine gute Luftqualität und Hygiene dort sind daher von höchster Wichtigkeit.
Wie aktuell diese Fragestellungen sind, kann man an Forderungen und Initiativen ablesen, Restaurants und Geschäfte der Lebensmittelbranche müssten sich um ein Siegel, zum Beispiel einen „Smiley“, bewerben, bei dem die Hygienestandards einen hohen Stellenwert haben. Die Sensibilität der Bürger in Sachen Gesundheit ist eben groß.
Ähnlich ausgeprägt ist die Empfindlichkeit vieler Bürger aufgrund von Allergien und anderen Unverträglichkeiten. Hinzu kommt, dass Antworten auf neue Aufgaben gegeben werden müssen. So hat zum Beispiel der Zwang zur Energieeinsparung vor allem in Wohngebäuden die Schimmelproblematik deutlich vergrößert. Neue beziehungsweise andere Werkstoffe führen zu „neuen“ Emissionen und damit zu neuen Anforderungen an die Innenraumhygiene.
Diese Antworten fordern die Auftraggeber nicht zuletzt von den Handwerkern ein, mit denen sie zusammenarbeiten – ob beim Neubau von Gebäuden, beim Um- und Ausbau im Bestand oder bei konkreten Schadens- oder Verdachtsfällen. Die Antworten, besser noch konkrete Lösungen baulicher oder anlagentechnischer Art möchten sowohl Privatleute haben als auch Architekten und Planer, Wohnungsbaugesellschaften oder Handwerkerkollegen, die fachfremd sind.
Lukrativer, aber auch schwieriger Markt
Unter dem Blickwinkel dieses Bedarfs wird die Innenraumhygiene als lukrativer Markt eingestuft, aber auch als schwieriger Markt: Es geht nicht nur um die heikle Frage der Gesundheit der Kunden. Vielmehr handelt es sich auch häufig um ein gewerkeübergreifendes, interdisziplinäres Thema. Hygieneprobleme in Wohnungen und am Arbeitsplatz können nur gelöst werden, wenn sie in ihrer Gesamtheit betrachtet werden und alle am Bau Beteiligten involviert sind. Vieles hängt eben mit Vielem zusammen. Gesucht werden daher Spezialisten mit breitem fachlichem Hintergrund.
Der Essener Kongress und die Fachausstellung zur Innenraumhygiene bieten da die optimale Gelegenheit zur Fortbildung und zur Wissensauffrischung. Das Themenspektrum wurde gegenüber den Vorjahren noch erweitert: Neben Vortragsreihen zu Trinkwasser, Schimmelpilzen und Raumlufthygiene wird es auch solche zu Oberflächen (Boden, Wand, Decke), Reinigung, Recht, Baubiologie sowie Krankenhaushygiene und Medizin geben.
Schimmel
Die Schimmelpilzbelastung in Wohn- und Arbeitsräumen ist ein gutes Beispiel für die Komplexität im Bereich der Innenraumhygiene. Schimmelflecken sind oft ein optischer Makel. (Allerdings stellen die Fälle, in denen der Befall klar sicht- oder riechbar ist, eher die Minderheit dar!). Die sie bedingende Feuchtigkeit im Mauerwerk kann aber auch bauliche Schäden zur Folge haben, und die Sporen können bei den Nutzern der Räume zu erheblichen gesundheitlichen Problemen führen. Als Auslöser für Schimmel kommen unter anderem in Frage ein falsches Lüftungsverhalten der Bewohner, eine mangelnde Frischluftzufuhr nach einer Optimierung der Gebäudeisolation, insbesondere der Fenster, mit dem Ziel einer Senkung des Energieverbrauchs. Als Ursachen kommen daneben ein zum Teil schon länger zurückliegender Wasserschaden, nach dem die Bautrocknung nicht ausreichend war, insgesamt eine zu kurze Bautrocknung, eine unzureichende Isolierung des Gebäudes nach außen, die das Eindringen von Feuchtigkeit nicht verhindert, oder zum Beispiel Wärmebrücken in Frage, die zur Kondenswasserbildung führen, teilweise sogar im Estrich unter dem Bodenbelag.
Verhindert werden kann das Entstehen von Schimmel dementsprechend durch ein Trockenhalten des Mauerwerks, eine intensive Querlüftung der Räumlichkeiten, die am besten „zwangsweise“ durch Vorrichtungen wie Fensterfalz-Lüfter oder durch eine kontrollierte Lüftung inklusive Wärmerückgewinnung erfolgt, sowie durch spezielle Schimmelschutzfarben an Decken und Wänden. Diese sollten vor allem in Lebensmittelbetrieben und im medizinischen Bereich eingesetzt werden. Gerade bei den Beschichtungsstoffen ist aktuell viel „Bewegung“ am Markt. Handwerker müssen demnach genau beobachten, was tatsächliche Wirksamkeit und was nur ein guter Werbespruch ist.
Ist erst einmal ein Schimmelbefall da, kann man mit richtig und fachgerecht angewandten Desinfektionsmitteln, mit Abflämmen oder mit einer Versiegelung der betroffenen Flächen oder Bauteile sowie mit einer Entfernung des befallenen Materials dagegen angehen. Dabei muss jeweils mit viel Sachkunde vorgegangen werden. Insbesondere beim Abstemmen oder einer anderen Art der Entfernung zum Beispiel von Wand- oder Deckenteilen ist es wichtig, dass so wenig wie möglich Staub und Pilzsporen frei gesetzt werden. Feuchte Verfahren oder Arbeitsgeräte mit Absaugung oder Kapselung helfen dabei.
„Schlechte" Luft
Schimmel stellt jedoch keineswegs die einzige „Belastung“ in Innenräumen dar. Vielmehr speist sich das „Sick-Building-Syndrom“, also das Syndrom krank machender Gebäude, aus zahlreichen anderen „Quellen“. Chemische Schadstoffe der unterschiedlichsten Herkunft, etwa aus Möbeln oder Raumtextilien oder aus Produktionsverfahren, „abgestandene Luft“ wegen einer zu geringen Frischluftzufuhr oder auch Gerüche können dazu beitragen. Sie können dann zu Symptomen wie Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen oder Müdigkeit und damit zu einer herabgesetzten Leistungsfähigkeit führen. Immerhin hat jeder Mensch in einem Raum einen „Luftmengenbedarf“ von gut 25 Kubikmetern pro Stunde. Als „Gegenmittel“ gegen „schlechte“ Luft wurden in den letzten Jahren verschiedene Farben, Lacke und Putze mit Inhaltsstoffen zum Schadstoffabbau angepriesen, die auch längerfristig wirken sollen.
Lüftungsanlagen sorgen für den notwendigen Luftaustausch, tragen jedoch in zahlreichen Fällen wieder einen „Fluch“ in sich: So genannte Luftreiniger sowie Lüftungs- und Klimaanlagen nehmen die Schadstoffe „wunschgemäß“ in ihr Leitungssystem auf, wo sie sich aber in nicht geringem Maße festsetzen. Dort wachsen dementsprechend Bakterien, Schimmelpilze und andere Keime oder es lagert sich belasteter Staub ab. Vor allem bei Reinigungsarbeiten in den Zu- und Abluftkanälen oder in den Zentralgeräten kommt es dann bei einem unsachgemäßen Vorgehen zu einer massiven Freisetzung dieser Schadstoffe. Handwerksunternehmer, die hierfür einen einwandfreien Service anbieten können, haben einen erheblichen Wettbewerbsvorteil.
Stichwort Staub: Der lungengängige Feinstaub stellt eine weitere Ursache für Befindlichkeitsstörungen oder sogar Erkrankungen vor allem bei empfindlichen Personen, also solchen mit einer Vorschädigung der Atemwege, dar. Dazu kommt es nicht zuletzt, weil an den Staubpartikeln andere Schadstoffe gebunden sind. Sie können weit gefährlicher sein als der Staub selbst. Untersuchungen haben dabei ergeben, dass ein Teppichboden als Bodenbelag zu einer deutlich geringeren Feinstaubkonzentration beiträgt als ein glatter Boden.
Im bisherigen Text war immer wieder einmal von einer unzureichenden Raumlüftung die Rede. Bauplaner, aber auch Bauhandwerker müssen im Auge behalten, dass bei Neubauten, ebenso jedoch bei größeren Umbaumaßnahmen ein Lüftungskonzept erstellt und natürlich vor Ort umgesetzt werden muss. Es definiert die Anforderungen an die Be- und Entlüftung, berücksichtigt gleichzeitig aber die Forderung, dass nur so wenig Wärme wie möglich dabei verloren gehen darf. Tischler beispielsweise müssen bei einer großflächigen Erneuerung von Fenstern, Dachdecker bei einer neuen Dacheindeckung den Bauherren zumindest darüber informieren, dass er geänderte Rahmenbedingungen zu berücksichtigen hat.
Trinkwasser
Neben der Luft ist das Wasser ein weiteres Element, das für die Innenraumhygiene einen hohen Stellenwert hat. Unser Trinkwasser ist von höchster Güte, doch auf seinem Weg vom Wasserwerk bis zum häuslichen Wasserhahn können sich durchaus „unerwünschte“ Bestandteile „einschleichen“. Verunreinigungen durch mangelhafte Installationen, teilweise „do it yourself“ durchgeführt, durch falsche Handhabung, also etwa durch Rücksaugen von Brauchwasser in Frischwasserleitungen, gehören zu den Ursachen für eine Verschlechterung der Wasserqualität im Hause. Dieselben Auswirkungen kann eine zu geringe oder gar fehlende Durchströmung des Leitungsnetzes haben, weil die Umwälzpumpe abgeschaltet wurde, um Strom zu sparen, oder weil das Rohrsystem zu „groß“ geplant wurde beziehungsweise zu „groß“ geworden ist, weil einige Teile nicht mehr genutzt werden. Daneben sind Wasserfilter oder Warmwasserbereiter zu nennen, die nach ihrem Einbau nicht regelmäßig oder falsch gereinigt werden, sowie verkeimte Mischdüsen an den Entnahmestellen. Welche Verantwortung den Sanitärinstallateuren in diesem Zusammenhang zukommt, hat der Fachmann für Wasserhygiene und Umweltmikrobiologie, Georg-Joachim Tuschwitzki, beim ersten Forum Innenraumhygiene auf eine sehr einprägsame Formel gebracht: „Der Installateur hat sich nicht nur als Bauhandwerker, sondern auch als Mitarbeiter in einem Lebensmittelbetrieb zu verstehen, weil er die Verpackung für das Lebensmittel Trinkwasser erstellt.“
Kritisch ist insbesondere die Stagnation des Wassers in den Rohrleitungen. Dazu kann es kommen, weil – wie erwähnt – das Netz überdimensioniert wurde, aber auch weil Nutzer über längere Zeit nicht da sind. Das gilt für das Hotel-, Schul-, Krankenhaus- oder Altenheimzimmer, das vorübergehend leer sind, über den Wasserhahn im „verlassenen“ Kinderzimmer bis zum Haus, dessen Bewohner einen längeren Urlaub verbringen. Aufgrund physikalischer, biologischer oder chemischer Prozesse kann es dann zu Verunreinigungen kommen. Es können aber auch Wassertemperaturen erreicht werden, die das Entstehen von Legionellen und Pseudonomaden erlauben. Das ist der Fall, wenn das Wasser kälter als 55 Grad Celsius wird, aber auch wenn es wärmer als 20 Grad wird. Gerade die Gefahr durch Legionellen aus kühlem Wasser wurde bislang oft übersehen. Die Vermehrung der Bakterien kann ebenfalls begünstigt werden, wenn das Wasser vor allem im Sommer und Frühherbst zu lange in den Leitungen im Gebäudeinneren bleibt oder wenn die Rohre nahe bei Warmwasser- oder Heizungsrohren liegen und schlecht gegeneinander abgedämmt sind. Für Abhilfe kann der Installateur mit einer Zwangsdurchströmung des Netzes oder mit Vorrichtungen zum automatischen Spülen sorgen.
Medzinischer Bereich
Was für (im Prinzip) gesunde Menschen als mögliche Gefährdung gilt, birgt natürlich für Geschwächte oder sogar Kranke ein umso größeres Risiko. Deshalb muss dem Thema Innenraumhygiene in Krankenhäusern, Arztpraxen, Sanatorien und ähnlichen Einrichtungen sowie zum Beispiel in Altenheimen eine noch größere Beachtung zukommen – auch von den dort tätigen Handwerkern. Kreative Lösungen sollten hier viel mehr aufgegriffen werden. So hat etwa Holz aufgrund seiner natürlichen Inhaltsstoffe eine deutlich keimtötende Wirkung. Deswegen ist es ratsam, Einrichtungsgegenstände aus Holz in solchen Räumen häufiger einzusetzen als bisher, wo man bevorzugt zu Metall, Kunststoffen oder ähnlichem greift.
Auf der anderen Seite ist just dieser Werkstoff ins Gerede gekommen mit Blick auf Formaldehyd, das wegen der Wärme in Saunen aus den dafür verwendeten Holz oder aus Klebstoffen austritt. Experten empfehlen daher, die Saunen nach dem Einbau über mehrere Tage hinweg aufzuheizen, damit die Schadstoffe sich weitgehend verflüchtigen, und auch bei der späteren Nutzung auf gutes Lüften zu achten.
Gerade dieses Beispiel der guten und „schlechten“ Eigenschaften von Holz verdeutlicht, wie facettenreich das Thema Innenraumhygiene ist. Nur wer sich als Handwerker da gut auskennt und auch die Zusammenhänge sieht, kann die ohne Zweifel vorhandenen Geschäftschancen auch tatsächlich für sich erschließen. Das Forum Innenraumhygiene bietet eine gute Gelegenheit, das Fachwissen auf den neuesten Stand zu bringen, „über den Tellerrand“ hinauszublicken und eine Einschätzung über die unternehmerischen Perspektiven zu bekommen.
*) Das 3. Deutsche Forum Innenraumhygiene findet am 15. und 16. Februar in der Messe Essen statt. Ein attraktiver Frühbucherrabatt wird bis zum 23. Januar angeboten. Die Dauerkarte für beide Kongresstage, den Besuch der Fachausstellung und die Tagungsdokumentation ist bis dahin für 85 Euro erhältlich. Weitere Informationen finden Sie unter www.innenraumhygiene.com .
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Autor: Harald Siebert, LGH






