Düsseldorf (LGH). Die Konkurrenz sei in diesem Jahr besonders hart gewesen. Deshalb könne es umso höher bewertet werden, dass erneut zwei der vier Adalbert-Seifriz-Preise für Technologietransfer zwischen Handwerk und Hochschule an Betriebe aus Nordrhein-Westfalen gehen. Das sagte die Leiterin des Technologie-Transfer-Ring Handwerk NRW (TTH), Ursula Beller, nach der Vergabe der Auszeichnungen an das Mönchengladbacher Innenausbauunternehmen Müller und an die VHV Anlagenbau aus Hörstel. Der TTH wird vom Land Nordrhein-Westfalen und von der Europäischen Union gefördert und ist Teil der Landes-Gewerbeförderungsstelle des nordrhein-westfälischen Handwerks (LGH).
Firmenchef Karl-Heinz Müller erhielt den unter dem Schlagwort „Meister sucht Professor“ bekannten und bundesweit ausgeschriebenen Preis für sein Trockenestrich-Nivelliergarät „estrobot“, das er mit Professor Burkhard Bischoff-Beiermann, Experte für technische Mechanik an der Hochschule Niederrhein in Krefeld, entwickelt hat. Es ermöglicht Estrichlegern, in aufrechter Haltung Flächen mit einer Zeitersparnis von bis zu 70 Prozent mit einer über die geltende Norm hinausgehenden Genauigkeit zu erstellen. Ermüdungsfreies, gelenke- und rückenschonendes Arbeiten wird so mit Wirtschaftlichkeit und einer perfekten Glätte des Estrichs kombiniert. VHV hatte sich mit ihrem Doppelgurtförderer beworben. Mit ihm können Schüttgüter vom feinsten Gießereisand bis hin zu Recyclingbaustoffen mit Brocken von 15 Zentimetern Durchmesser auf einem Förderband senkrecht nach oben transportiert werden – derzeit immerhin bis zu 30 Metern Höhe. Das Band kann sogar entgegen der ursprünglichen Richtung „überkopf“ laufen. Partner bei der Innovation war Professor Klaus Baalmann vom Fachbereich Maschinenbau an der Fachhochschule Münster. Beide Handwerker-Wissenschaftler-Teams waren von Technologietransfer-Beratern aus dem TTH begleitet worden - von Reinhold Bottin von der Handwerkskammer Düsseldorf und von Hans-Dieter Weniger, HWK Münster. Insgesamt haben vom TTH betreute Handwerksbetriebe aus NRW nun 52 der in 22 Jahren vergebenen 105 Seifriz-Preise „einheimsen“ können.
„Das ist ein eindeutiger Beweis für die Effizienz dieses vom Land und der Europäischen Union geförderten Unterstützungsangebots“, lobte NRW-Wirtschaftsminister Harry K. Voigtsberger. Er hob zudem hervor, dass „die Jury nicht nur auf die technologische Qualität der Innovationen geachtet hat. Wesentlich zur Entscheidung beigetragen hat auch die wirtschaftliche Seite, also das Durchsetzen am Markt.“
„Die Kollegen klagen, aber keiner rafft sich auf, etwas zu ändern.“ So beschreibt Karl-Heinz Müller die Situation in seiner Branche vor 2007, als er den Beschluss fasste, ein Nivelliergerät zu entwickeln, das die bisherigen Abziehlehren ersetzen sollte. Sein durch ein Lasergerät gesteuerter „estrobot“ erleichtert nun nicht nur die Arbeit und gewährleistet eine hohe Qualität, sondern hat viele weitere Vorteile: zusammengeklappt und mit 18 Kilogramm Gewicht leicht zu transportieren, Aufbau in wenigen Handgriffen, kabellose Stromversorgung per Akku, um 360 Grad schwenkbares Abziehschwert zur Glättung des Estrichmaterials, Aktionsradius von 2,5 Metern. Über einen Handknauf kann der „estrobot“ mit leichten Bewegungen gesteuert werden. Das Arbeitsergebnis ist aufgrund der automatischen Korrektur immer gleichmäßig und präzise, selbst in kritischen Bereichen wie Nischen, um Säulen oder an Rohrauslässen. Der Mensch am Führungsknauf sei jedoch unverzichtbar: „Er hat das Gefühl in der Hand. Und das ist die Grundvoraussetzung für glatte Flächen“, so Müller.
50 Kaufoptionen aus dem Trockenbau liegen schon vor, zudem können die „Väter“ des Gerätes sich dessen Verleih über Baumärkte vorstellen und vor allem den Einsatz für andere Materialien und in anderen Bereichen: „Wenn er auch ein Gefälle berücksichtigen kann, ist er für den Garten- und Landschaftsbau ideal“, gibt Karl-Heinz Müller ein Beispiel.
Innovative Fördertechnik ist das Geschäftsfeld der VHV Anlagenbau. Damit hat das Unternehmen in nur 15 Jahren den Aufstieg zu einem 85-Mann-Betrieb geschafft. Anfang 2008 bekam diese Entwicklung einen deutlichen „Knick“ nach oben – ausgelöst durch den Markterfolg des Doppelgurtförderers. Die Funktionsweise basiert darauf, dass das Schüttgut zwischen zwei Glattgurten liegt. Diese werden an den Randzonen durch starre Rollen aufeinandergepresst und damit zu den Seiten hin abgedichtet. Weitere Andrückrollen in der Mitte der Gurte halten die Materialsäule genau so fest, dass sie auch beim steilsten Winkel nicht nach unten wegrutscht, aber auf der anderen Seite nicht unnötig in die Breite gequetscht oder bewegt wird.
Der bisherige Stand der Technik wurde mit dem Doppelgurtförderer deutlich überschritten. Becherwerke, die bislang verwendet werden, benötigen erheblich mehr Platz und eine Grube für den Materialvorrat und sie haben einen ungleichmäßigen Ausstoß des Schüttgutes. Vor allem jedoch haftet häufig noch „altes“ Material in den Bechern, sodass bei einem Neueinsatz eine tatsächliche Sortenreinheit nicht zu garantieren ist. Ein weiterer nicht zu unterschätzender Pluspunkt ist die um etwa die Hälfte verringerte Antriebsleistung der Motoren für den Förderer.
„Wir bekommen dank der Innovation Aufträge, an die wir ansonsten nicht herangekommen wären“, freut sich VHV-Geschäftsführer Bernhard Verlage. Der Umsatz alleine mit dem Doppelgurtförderer als führendem Produkt belaufe sich auf gut zwei Millionen Euro, Tendenz stabil bis steigend.
Ein weiterer Nordrhein-Westfale erhielt im Übrigen einen Seifriz-Preis: Professor Herbert Funke vom Fachbereich Maschinenbau an der Fachhochschule Dortmund hatte mit einem Bremer Bootsbauer eine Trocknungstechnik für Materialien aus glasfaserverstärktem Kohlenwasserstoff entwickelt, die jetzt nicht nur beim Bootsbau, sondern zum Beispiel auch bei der Herstellung von Rotoren für Windkraftanlagen eingesetzt wird.





