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Westdeutscher Handwerkskammertag
Unternehmerverband Handwerk NRW (LFH) 
Landesvereinigung der Fachverbände des Handwerks Landesregierung Nordrhein-Westfalen Das Handwerk


LAND NRW

19.09.2008 - Alle vier Seifriz-Preise für Technologietransfer gehen nach NRW 

Düsseldorf (LGH). Alle vier in diesem Jahr vergebenen Adalbert-Seifriz-Preise für Technologietransfer gehen an Handwerksunternehmen aus Nordrhein-Westfalen und ihre wissenschaftlichen Partner. „Die Bewerbungen haben durch ihren Innovationsgrad und die inzwischen erzielten Markterfolge überzeugt“, freut sich Ursula Beller, die Leiterin des Technologie-Transfer Ring Handwerk NRW (TTH), der an den meisten der Neuentwicklungen beratend beteiligt war.

Die renommierte Auszeichnung für besonders gelungene Kooperationen zwischen Handwerksbetrieben und Hochschulen wird bundesweit ausgeschrieben. Mit dem „Erfolg auf ganzer Linie“ bei der 20. Auflage des Wettbewerbs verbessert sich die Bilanz der Sieger-Firmen mit Sitz in NRW auf 44 von insgesamt 91 Preisträgern seit 1989. Im Einzelnen wurden in diesem Jahr ausgezeichnet: Waagenbau Dohmen, Würselen, und Professor Volker Sander (Fachhochschule Aachen) für die Entwicklung einer Fahrzeugwaage und eines Softwareprogramms, das eine schnelle Verwiegung und die Weiterverarbeitung der Daten erlaubt; Farmer Automatic Biomass-Technology, Laer, und die Professoren Christof Wetter und Norbert Ebeling (FH Münster) für ein Komplettsystem zur Verwertung von Schweinekot als Brennstoff für die Wärme- und Stromerzeugung; Jüke Systemtechnik, Altenberge, und Dr. Klaus Eichler (Fraunhofer Institut für Keramische Technologien und Systeme, Dresden) für einen Detektor zur Messung von chlorierten und halogenierten Kohlenwasserstoffen; S&Ü Hydraulik- und Maschinenbau, Marienmünster, und Diplom-Holzwirt Georg Krämer (Holzfachschule Bad Wildungen) für einen Trommeltrockner zur Trocknung von Spaltholz, das dann höherwertiger verkauft und effizienter verfeuert werden kann.

Alle vier Innovationen seien „geprägt von Erfindergeist und Kreativität“, hieß es bei der Preisverleihung in Stuttgart. Die Handwerksunternehmen hätten sich als Problemlöser und bei der praxis- und marktgerechten Umsetzung von HighTech bewährt.
Beim Entwickler-Team Dohmen/Sander ging es darum, die Anlieferung von „Nachschub“ für Biogasanlagen zu erleichtern. Die Fahrer können nun ihre Anhänger selbst verwiegen und müssen dafür noch nicht einmal das Führerhaus verlassen. Die Daten werden automatisch erfasst und dokumentiert. Die Zusammenarbeit zwischen Handwerk und Hochschule bezog sich hier auf die Software-Entwicklung. Der Kontakt kam mit Unterstützung des Technologieberaters der Handwerkskammer Aachen zustande. Zwei „sehr intensive“ Jahre waren dann nötig, bevor im Mai 2008 das Programm für den Vertrieb freigegeben werden konnte. „Der Erfolg ist eindeutig. Unser Jahresumsatz konnte gegen den Trend um zehn Prozent gesteigert werden“, meinen die Firmenchefs Martin und Peter Dohmen. „Durch die Zusammenarbeit mit der Hochschule hat sich unsere personelle, technologische und wirtschaftliche Situation signifikant verbessert. Die Entwicklungen gehen auch in neuen Projekten weiter, in denen die traditionellen handwerklichen Leistungen mit den Möglichkeiten der modernen Programmierung effektiv und effizient verschmelzen.“
Um die Nutzung von Bioabfällen als Energiequelle dreht sich auch das Projekt der Farmer Automatic Biomass-Technology unter Leitung des Feinwerkmechanikermeisters Franz-Josef Kuhlmann. Schweinekot wird über ein Förderbandsystem aus dem Stall herausgebracht, getrocknet und zu Pellets gepresst. Diese können mit einem Heizwert ähnlich dem von Holz verbrannt werden, wobei Wärme und Strom erzeugt wird. Zwei Kilogramm Trockenkot entsprechen dabei etwa einem Liter Heizöl. Die FH Münster stützte die Innovation durch Untersuchungen zum Thema Brennstoffaufbereitung und Vergasung sowie mit einer Machbarkeitsstudie zur Aufbereitung von Urin als Dünger. Die Markteinführung des Systems erfolgte Ende 2007. Bis zum Juni erwirtschaftete das 10-Mann-Unternehmen aus Laer damit bereits  einen Umsatz von 800.000 Euro. Die Zielvorgabe von 1,2 Millionen Euro Umsatz in 2008 erscheint mehr als realistisch, zumal das System auch mit anderen tierischen Rückständen als Brennstoff, aber auch mit Holz-, Stroh- oder Gärresten betrieben werden kann.
Unweit von Farmer hat im münsterländischen Altenberge mit der Jüke Systemtechnik ein weiterer Seifriz-Preisträger seinen Sitz. Er sei ein Netzwerker par excellence, wird Heinz Jürgens nachgesagt. Mit solchem Netzwerken sind ihm und seinen Mitarbeitern schon eine Vielzahl von Innovationen gelungen. Aktuelles Highlight ist der Detektor zur Messung von chlorierten und halogenierten Kohlenwasserstoffen, der mit Dr. Klaus Eichler vom Fraunhofer Institut IKTS entwickelt wurde. Das Team von Hochschule und Handwerk hat einen fast vierjährigen Transferprozess absolviert, den der Berater der Handwerkskammer Münster, Dieter Weniger, stets begleitete. Als Ergebnis wurde eine neuartige Keramiksubstanz entwickelt und durch Jüke die Sensorelektronik und ein Sensordesign in Schraubenform erarbeitet, das trotz der geringen Maße von nur wenigen Zentimetern eine relativ große Oberfläche für die Messung bietet. Das gesamte System erreicht Nachweisgrenzen für einzelne Kohlenwasserstoffe im ppm-Bereich, die der bisherigen Messtechnik ebenbürtig sind, sie in einigen Fällen sogar übertreffen. Der Detektor wird in Online-Gaschromatografen und in Leckagedetektoren in der Halbleiterindustrie eingesetzt. Jüke konnte in 2007 Umsatzsteigerungen um 20 Prozent erzielen. „Wirtschaftlich noch erheblich interessanter“ wäre die Nutzung in der Routineanalytik im Labor. Doch sind hierfür die Zulassungsverfahren noch nicht abgeschlossen. Die Neuentwicklung hat sich bei den Systemtechnikern aus Altenberg bereits in sechs zusätzlichen Arbeitsplätzen niedergeschlagen.
Preisgekrönte Biomasse-Nutzung zum dritten: Wenn es mit dem wohligen Feuer im heimischen Kamin nicht so recht klappt, liegt das häufig daran, dass das Holz zu nass ist. Für gut verwendbare Brennstoffe sorgt der Trockner, für dessen Entwicklung die S&Ü GmbH aus Marienmünster-Löwendorf und Diplom-Holzwirt Georg Krämer von der Holzfachschule Bad Wildungen ausgezeichnet wurden. S&Ü produziert bereits seit mehreren Jahren sehr leistungsfähige Säge-Spalt-Automaten, mit denen Baumstämme in handliche Scheite zerlegt werden. Diese enthalten jedoch noch bis zu 65 Prozent Wasser bezogen auf die Trockensubstanz. Die bisherigen Verfahren zum Trocknen des Holzes empfanden die Anbieter des Brennmaterials als unzureichend, was S&Ü-Geschäftsführer Thomas Scherer auf die Idee brachte, nach einer Ergänzung zu den Spalt-Automaten zu suchen. Große Schritte voran kam er dabei, nachdem er 2006 Georg Krämer getroffen hatte. Mit ihm und der Holzfachschule wurde der Trommeltrockner entwickelt, der sich seitdem als  Markterfolg und „Vielzweckwaffe“ erwiesen hat: Das Holz wird in der Trommel durch eine Restholzfeuerung oder besser noch durch die überschüssige Motorwärme einer Biogasanlage getrocknet. Gerade die Nutzung der Abwärme von Blockheizkraftwerken hat dem System große Kundenkreise erschlossen. Beim Scheitholz entsteht so ein Premiumprodukt, das zu einem guten Preis abgesetzt werden kann. S&Ü ist mit der Nachfrage überaus zufrieden. Hinzu kommt, dass das Unternehmen jetzt auch über Deutschland hinaus als Kompetenzträger für technische Lösungen in der Brennholztechnik nachgefragt wird. Dieser Markt wächst nicht zuletzt angesichts der Preisentwicklung für Öl und Gas sowie der Klimadiskussion stark. Eingesetzt werden die Trockentrommeln inzwischen aber weit über die Holzbranche hinaus: „Die Industrie erkennt einfach immer häufiger, dass es unwirtschaftlich ist, Wasser zu transportieren oder zu verbrennen“, erklärt Scherer.